Urs Lüthi

URS LÜTHI geb. 1947 in Kriens (Luzern), lebt und arbeitet in München (www.ursluethi.com)

Im Spiegelkabinett zwischen Kunst und Leben hat Urs Lüthi in den 1960er- und 1970er- Jahren damit begonnen, einen persönlichen Weg zu suchen.
Er bediente sich der Fotographie als Mittel zur Bilderzeugung und schlüpfte in verschiedene Rollen, sonderbare und komische Figuren…
Man kann sagen, dass er als Erster die Fotographie dazu genutzt hat, um das eigene Selbst, um Rollen und Geschlechter in die soziale Welt zu projizieren.
Er verwendet die Fotographie in einer stark begrifflichen Ebene und nahm Versuche wie jenen von Cindy Sherman oder die jüngeren von Francesco Vezzoli vorweg.
Der Künstler verzichtet auf die Darstellung der äußeren Welt als objektive
Gegebenheit und entwickelt eine Strategie, bei der das eigene Bild zum Ort wird, in dem sich die Welt widerspiegelt.
Jede Widerspiegelungsaktion ist auch eine Spekulation, das heißt eine philosophische Reflexion über die Beziehung zwischen dem Ich und den anderen.
Der Künstler geht stets von sich selbst aus, aber nicht nur von seinem Denken oder seiner Poesie, sondern er entdeckt den Körper als Ort für die Wechselbeziehung mit dem Publikum und als Forschungsfeld. Sich mit Humor und gesundem Realismus darstellen und jedes Drama vermeiden, das ist eine der Chiffren seiner Arbeit. Das Dasein ist zu kurz, um es ernst zu nehmen. Die stets glänzend ironische Selbstdarstellung und die Kunst selbst werden zu einem lebensverbessernden Ort. „Art for a better Life“ ( Biennale Venedig, 2001)
Allmählich wird die Skulptur zur Ausdrucksform, die an die Stelle der Fotographie tritt. Das reduzierte Format der Skulptur, die turnerisch- athletischen Posen von „Four times a Loser“, sind ein Wendepunkt in seiner Arbeit, die den Weg eines Einen zeichnet, der die Orientierung verloren hat („Lost Direction“). Zu Formen verdichtete Spuren des Ich, Gefühle, die, um sich auszudrücken, vollendet werden müssen, aus der Unbestimmtheit heraustreten und allgemein sichtbar werden müssen. Lüthis gehender Mann hat keine Sicherheiten, er bewohnt die Welt und spiegelt sich in den anderen. Seine bildhauerischen Selbstportraits sind tragisch und komisch zugleich. Sie können sich durch die Zerbrechlichkeit des Glases ausdrücken, sie besitzen aber auch die Transparenz der Intelligenz. Altern und Sterben sind normale Vorgänge, ein Leben als Künstler ist in jedem Fall der Kapitulation vor der Banalität der Wirklichkeit vorzuziehen.
Aus dem Text von Valerio Dehò über Urs Lüthi, erschienen zur Ausstellung in der Allessandro Casciaro Art Gallery, Bolzano, 2016


Über die Ausstellung:

Der von VONFORM eingeladene Künstler URS LÜTHI vereint in der von ihm eingerichteten Präsentation eigene Werke mit ihren Objekten zu einem künstlerischen Gesamtereignis. Lüthi ordnet die Dinge nicht nur in einer räumlichen Beziehung, sondern wählt sie im Hinblick auf seine Gesamtkomposition sorgfältig aus.
Die Aufführung disparater Dinge im Raum hat Lüthi von jeher interessiert. Mehrfach hat er Gegenstände aus der eigenen Sammlung in eine assoziative
Verbindung gebracht und sich in eine Tradition gestellt, die von der Wunderkammer bis zu Künstlerinszenierungen reicht. Seine von ihm selbst
eingerichteten Ausstellungen pflegen den sensiblen Stil poetischer Dingbeziehungen. In der Kurfürstenstrasse komponiert er ein Kammerspiel aus
Artefakten und Kunstwerken, das in seinen Dialogen vor allem eine Frageverfolgt, die sich bereits im Label der Veranstalter VONFORM ausspricht:
die Frage nach der Relevanz der Form.
In der Formfrage begegnen sich Künstler und Gestalter unabhängig davon, ob sie zweckgebundenen oder zweckfreien Intentionen dienen. Die Produkte
einer Keramikerin, eines Lichtdesigners, Möbeltischlers und eines Künstlersüber eine bloß dekorative Inszenierung hinaus in eine gelungene
Korrespondenz zu führen, die sich als künstlerisches Environment zu behaupten
versteht, ist letztendlich dem inneren Gesetz der von Urs Lüthi gefundenen Inszenierung zu verdanken.
Was am Ende spielerisch und leicht den Betrachter zu bezaubern versteht, ist am Beginn ein komplexer Vorgang, der alles in den Blick nimmt - die
Beschaffenheit der Wände, ihre und der Dinge Farben und was wo und wie imSinne eines gemeinsamen Gesprächs voneinander profitieren könnte. In
dieser konzeptionellen Ausstellung wird Design in seiner ursprünglichen Bedeutung als ein erprobender Vorgang sinnlich erfahrbar."
Eugen Blume (2001 - 2016 Leiter des Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart in Berlin)